Therapie

Therapie bei ADHS im Erwachsenenalter

Aus der Diagnose ADHS ergibt sich nicht zwangsläufig eine Behandlungsnotwendigkeit. Die Entscheidung für eine Behandlung bzw. die Wahl einer spezifischen Behandlung ist abhängig vom Ausprägungsgrad der ADHS, von den psychischen und sozialen Beeinträchtigungen sowie der Relevanz der Symptome.
Nach den Leitlinien wird eine multimodale Therapie, bestehend aus Medikation und Psychotherapie empfohlen, wenn eine starke Beeinträchtigung mindestens in einem, oder leichtere Beeinträchtigungen mindestens in zwei Lebensbereichen bestehen. Soweit komorbide Störungen(z.B. Depression, Sucht) im Vordergrund stehen, sollten diese vorrangig behandelt werden.

Pharmakotherapie

2011 wurde Medikinet Adult als bisher einziges MPH enthaltendes Medikament in Deutschland für Erwachsene zugelassen und wird auch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Inzwischen werden weitere Medikamente von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet. Die Wirkdauer der Retardpräparate beträgt 5-6 Stunden, daher fallen max. zwei Einnahmen pro Tag an. Hierbei liegt die Quote derer, die auf MPH ansprechen, bei ca. 75%. Die Wirksamkeit kann als sehr gut bezeichnet werden und ist vergleichbar mit der im Kindesalter. Inzwischen werden auch Ritalin Adult sowie Straterra auch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Unretardiertes MPH, das nach wie vor selbst bezahlt werden muss, hat eine Wirkdauer von 3-4 Stunden und muss für ein ideales Wirkspektrum mehrmals am Tag eingenommen werden. Es wird in der Einstellungsphase mit 5-10 mg am Morgen begonnen und je nach klinischem Effekt und Verträglichkeit in individuell abzustimmenden Abständen jeweils um 5-10 mg gesteigert.
Die Dosis der Dauermedikation wird individuell nach Wirkung und Verträglichkeit festgelegt. Viele Erwachsene kommen mit wesentlich geringeren Tagesdosen aus als Kinder. Manche Hyperaktive benötigen zum Einschlafen noch einmal 5mg eines unretardierten MPH.
Da ADHS im Erwachsenenalter eine Dauerdiagnose ist, müsste bei MPH von einer Dauermedikation ausgegangen werden, da ohne diese die reduzierten Symptome wieder auftreten. Zum einen wollen jedoch viele Erwachsene ihre hyperaktiven Symptome nicht vollständig oder nur zeitweise unterdrücken, zum anderen benötigen Betroffene vom vorwiegend unaufmerksamen Typ oft eine Medikation nur zu besonderen Schwerpunkten ihrer Lebens- bzw. Arbeitsphasen (Studium, Prüfungsvorbereitung, Konferenz …) Daher wird MPH im Erwachsenenalter vielfach sehr indibiduell eingesetzt. Außerdem besteht die Chance, dass MPH eine Grundlage schafft, Neues und hierbei auch neue Strategien zu erlernen, mit Defiziten umzugehen, welche dann auch ohne Medikation beibehalten werden können. Stimulanzen werden heute immer noch auf BTM-Rezept verordnet. Zahlreiche internationale Studien haben jedoch sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen ergeben, dass, soweit keine Suchtproblematik vorliegt, der Wirkstoff Methyphenidat nicht zur Suchtentwicklung führt.
Bei Nichtansprechen auf MPH stehen weitere Medikamente der 2. Wahl aus der Gruppe der Antidepressiva zur Verfügung.

Psychotherapie

Eine ergänzende Psychotherapie wird in den Leitlinien empfohlen, zumal bei Erwachsenen oft nicht die Basissymptome, sondern psychosoziale Folgen oder komorbide Störungen im Vordergrund stehen. Die Indikation für Psychotherapie sollte in jedem Einzelfall individuell entschieden werden.
Es liegen Studien kleiner Fallzahlen vor, welche positive Effekte zeigten bei zwei verhaltenstherapeutischen Gruppenansätzen sowie kognitiv-behavioraler Einzeltherapie.

Ich selbst nehme keine neuen Therapiefälle mehr an, führe jedoch ADHS-Coaching durch, das sich schwerpunktmäßig mit Strukturierung aller Lebenslagen und -situationen befasst.
Coaching muss selbst bezahlt werden, wird nicht von Krankenkassen oder Krankenversicherungen erstattet. Eine Coachingrechnung kann jedoch als “Außergewöhnliche Belastung” im Rahmen der Steuererklärung geltend gemacht werden.

Coaching beinhaltet:

  • Zielsetzung und Erreichung konkreter Handlungsschritte
    Hier geht es um Fokussierung auf das Ergebnis, darum durch Selbstverpflichtung mit Unterstützung des Therapeuten in konkreten Schritten Verhaltensänderungen im Leben vorzunehmen und Ziele zu erreichen.
  • Entwicklung von Kompensationsstrategien: Hier geht es um Themen wie Zeitmanagement, Umgang mit Finanzen, Vergesslichkeit, Unordnung / Desorganisation. Durch die Versorgung mit für den Betroffenen individuell geeigneten „Hilfsmitteln“ wie programmierbare Handys oder Timer, Wecker Zeitschaltuhren, Softwareprogramme, Organizer oder anderen technische Hilfsmittel können Betroffene einen effektiven Umgang mit der Zeit und anderen täglichen Aufgabenstellungen erlernen und besser bewältigen.
  • Umgebungsveränderungen: Hier soll die Alltagsumgebung betrachtet und möglichst optimale Anpassungen versucht werden. Dabei geht es um die Bereiche: häusliche Umgebung, Arbeitsplatzbedingungen sowie das soziale Umfeld. Problemfelder sollen benannt und gemeinsam positiv verändert werden. Gemeinsam geht es darum, sich der Herausforderung ADHS zu stellen, sie nicht als Entschuldigung, sondern als Verantwortung zu sehen. Und natürlich geht es auch darum, das Genie zu entdecken und die vielen schlummernden Stärken zum Leben zu erwecken.
  • Da ADHS auch weitreichende Beziehungsstörungen hervorrufen kann, sind viele Ehen / Partnerschaften durch ADHS eines oder manchmal auch beider Partner erheblich beeinträchtigt. Daher führe ich auch Paargespräche durch, in welchen ich über ADHS aufkläre und gemeinsam Strategien zur Bewältigung der belastenden Probleme erarbeitet werden. Auch dies kann ein Teil des Coachings sein.

    Ergotherapie

    Ergotherapie gehört nicht zu den Therapieempfehlungen der Leitlinien bei ADHS im Erwachsenenalter. Es hat sich jedoch gezeigt, dass in besonderen Fällen Ergotherapie, welche im Wesentlichen die Elemente der kognitiven Rehabilitation abdeckt, anstatt Psychotherapie oder ergänzend hilfreich sein kann. Ergotherapeuten haben die Möglichkeit, Hausbesuche durchzuführen. Daher können sie in besonders schwierigen Fällen von Desorganisation vor Ort mit den Betroffenen Systeme und Abläufe einführen und kontrollieren. Dies gilt insbesondere für Alleinstehende, wo kein Familienmitglied die Therapie unterstützen kann.

    Alternative Therapien

    Hier werden die unterschiedlichsten Möglichkeiten – häufig im Internet – angeboten und gepriesen. Auf einzelne Verfahren soll hier nicht näher eingegangen werden. Es ist wichtig, in jedem Einzelfall individuell mit dem behandelnden Arzt/Ärztin zu besprechen, was gefahrlos eingesetzt bzw. ausprobiert werden kann.