Was ist ADHS?

Bei ADS oder ADHS – die Abkürzungen werden heute synonym verwendet – handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um eine angeborene und vererbbare Regulationsstörung bei normaler, häufig auch überdurchschnittlicher Intelligenz (Minderbegabung und ADHS schließen sich jedoch nicht aus). Wir sehen eine Störung mit situationsübergreifenden Mustern von Auffälligkeiten, die meist in drei Bereichen auftreten, welche man die sog. Kernsymptome nennt.

ads_01 adas_02 ads_03
Aufmerksamkeitsstörung (Störung von Konzentration und Aufmersamkeit, hohe Ablenkbarkeit) Impulskontrollstörung (unüberlegtes Handeln, hohe Spontaneität) Hyperaktivität (übersteigerter Bewegungsdrang, Suche nach dem Kick)

ADHS kann durch genetische Faktoren bedingt sein ebenso wie durch weitere Faktoren (Alkohol und/oder Nikotin während der Schwangerschaft, Sauerstoffmangel unter der Geburt); daher spricht man von einem multifaktoriellen Geschehen. Nach bisherigen Erkenntnissen der Gen-Forschung wird ADHS bei einem Großteil der Betroffenen vererbt (geschätzt 70 – 80 %). Es resultieren Veränderungen in neurobiologischen Prozessen des Gehirns, welche noch weiterer Forschung bedürfen.

ADHS ist eine Lebensdiagnose, die je nach Schweregrad fortlaufender oder intermittierender Begleitung bedarf.

ADHS, bei Kindern schon seit Jahrzehnten bekannt und beschrieben, war im Erwachsenenalter im deutschsprachigen Raum bis in die 90iger Jahre weitgehend unbekannt. Bis dahin galt die Vorstellung:
„Das wächst sich aus“. Studien haben jedoch belegt, dass ADHS auch im Erwachsenenalter eine deutliche Rolle spielen kann und viele Menschen in ihrer Lebensführung teilweise erheblich beeinträchtigt.
Die Häufigkeit, mit welcher ADHS aus dem Kindesalter ins Erwachsenenalter übergeht, schwankt je nach Studie und Autor zwischen 30 und 60 %.

Je später im Leben bei Betroffenheit die Erstdiagnose gestellt wird, desto ungünstiger sind häufig die Bedingungen sowie Aussichten auf Veränderungen. Dabei werden auch in höherem Lebensalter immer wieder auch gute Erfolge mit entsprechender Therapie erzielt.
Wünschenswertes Ziel wäre es, dass es irgendwann keine Erwachsenen mit schwerer Beeinträchtigung durch ADHS mehr geben möge, welche im Kindesalter unerkannt und damit unbehandelt blieben.

Auch im Erwachsenenalter können Primärsymptome und Sekundärsymptome unterschieden werden.
Zu den Primärsymptomen gehören Folgen neurobiologischer Funktionsstörungen im Bereich der sog. Exekutiven Funktionen. Hierunter versteht man grundlegende Prozesse im Gehirn, welche für

  • Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeitsaktivierung
  • Planen
  • Zeitgefühl
  • Initiieren und Hemmen von Impulsen und Handlungen
  • Handlungskontrolle an sich
  • Informationsanalyse und -Verarbeitung
  • Problemlösen
  • Vigilanz / Wachheit
  • Emotionale Regulation
  • sowie weitere komplexe Funktionen wie Gedächtnis und Merkfähigkeit      verantwortlich sind

Daraus ergeben sich die klinischen Symptome bei ADHS im Erwachsenenalter:

  • Motorische Unruhe(schwächt sich im Laufe der Entwicklung zum Erwachsenen häufig ab, innere Unruhe kann bleiben)
  • Vergesslichkeit
  • Desorganisiertes Verhalten
  • Impulsivität
  • Stimmungsschwankungen
  • erhöhte Reizoffenheit / Reizfilterschwäche
  • Möglichkeiten werden nicht ausgeschöpft
  • Probleme mit Routine und Disziplin
  • Kommunikationsprobleme

Unter Sekundären Symptomen bei ADHS versteht man reaktive psychische Störungen, welche durch soziale und psychosoziale Belastungsfaktoren entstehen. Früh manifestierte Primärsymptome können erhebliche Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, die Beziehungsfähigkeit und den Lebensvollzug schon im Kindesalter zeigen. Frühe Störungen des Sozialverhaltens und des Selbstwerterlebens können später in manifeste psychische oder psychosoziale Störungen übergehen.
Auch psychosomatische Störungen und somatische Folgen wie z.B. Schlafstörungen aufgrund des nicht abstellbaren „Gedankenchaos“ im Kopf, PMS = prämenstruelles Syndrom – d.h. Anfälle von z.B. Reizbarkeit, Süßhunger oder Übellaunigkeit von der Periode, Migräne aufgrund andauernd erhöhter Anspannung, stressbedingter Bluthochdruck aus gleichem Grunde werden häufig beobachtet.
Als Begleiterkrankungen, sog. Komorbiditäten, findet man z.B.: Depressionen, Ängste, Zwänge, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen sowie Suchtverhalten. Je nach Untersuchung wird der Anteil an Komorbiditäten bei Erwachsenen mit ADHS auf >50 % – 80 % angegeben, darunter an erster Stelle die Depressionen.

Folgen von ADHS sind aber auch:

  • Niedrigere Schul- und Berufsabschlüsse, als sie dem Intelligenzgrad entsprechen
  • Häufige Abbrüche im Leben, häufige Stellenwechsel
  • Häufigerer und früherer Beginn von Drogen- und Alkoholkonsum als in der Vergleichsgruppe
  • Häufigere Autounfälle und Führerscheinentzüge als…
  • Häufigere Straffälligkeiten als…
  • Bei Mädchen häufigere Frühschwangerschaften
  • Häufigere Arbeitslosigkeit und Frühverrentung

Die Diagnose wird durch eine klinische Untersuchung gestellt. Der Ablauf der Diagnostik folgt den Leitlinien der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde). Es gibt bisher keinen Test, mit welchem man ADHS „beweisen“ bzw. zu 100% diagnostizieren könnte. Es gehört dazu das Zusammentragen möglichst umfassender Informationen sowie Erfahrungen im Umgang mit Betroffenen.